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Lungau > Der Lungau > Brauchtums Kalendarium > Die Lungauer Sauschneider, die Geschichte. die Kunst und das Gewerbe

Lungauer Sauschneider

300 Jahre altes Handwerk

Die Lungauer Sauschneider
Lungauer Sauschneider

Mitten im Herzen Österreichs liegt umringt von den Radstädter und Schladminger Tauern sowie den Nockbergen der Lungau. Die Trennung vom Land Salzburg und Kärnten durch die natürlichen Barrieren prägte die Bewohner des Lungauer Hochplateaus und beeinflusste ihr Leben. Größtenteils lebte die Bevölkerung sehr bescheiden von der kargen Landwirtschaft, die wegen des rauen Klimas kaum Getreideanbau zuließ. Deshalb konzentrierten sich die Lungauer Bauern auf die Viehzucht, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und viele Männer gingen zusätzlich einem Nebenerwerb nach. Die eigene Viehzucht machte sie zu erfahrenen Viehkastrierern, und ihre Fähigkeiten in der „Viehschnittkunst“ ließ die Bauern auch außerhalb des Lungaus zu gefragten Männern werden.

Geschichte

Mit der Haltung von Tieren begann aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Viehschneiderei. Hinweise findet man immer wieder wie zum Beispiel auf einer Silbermünze aus Makedonien, deren Prägung bereits 500 Jahre vor Christus eindeutig ein Ochsengespann zeigt oder auf einem Holzschnitt von 1518, worauf ein Viehschneider bei der Kastration eines Bullenkalbes zu sehen ist. Angefangen mit einer Urkunde des Pfleggerichts Moosham von 1752 findet man im Bürgerbuch des Marktes Tamsweg, dem Pfarrarchiv, im Notelbuch sowie in der Registratur des Bezirksgerichtes Tamsweg ab der Mitte des 17. Jahrhunderts Aufzeichnungen über die Lungauer Sauschneider. Eine Scherzfrage beantwortet die Frage: „Wer ist älter? Die Viehschneider oder die Christenheit?“ mit folgender - bezeichnender - Antwort: „Ganz klar: die Viehschneider! Denn an der Krippe vom Jesuskind standen im Stall ein Esel und ein Ochse.“

Die Sauschneider und ihre Kunst

Kuk Sauschneider
Kuk Sauschneider

Die Sauschneider und ihre Fertigkeiten beeindruckten auch die damaligen Künstler, die sie in ihren Werken unvergesslich machten. Bedeutende Rollen haben die Sauschneider im Wiener Theater und auch in der klassischen Musik bekommen. Ein Klavierstück trägt den Titel „Acht Sauschneider müassen´s seyn“ und wurde von Hayden 1765 erschaffen. Mozart verwendete Teile dieses Stücks, dem so genannten Ständelied, in seinem „Gallimatthias Musicum“. Der Komödiant Anton Stranitzky stammte selbst aus der Lungauer Nachbarschaft, der Steiermark und ließ die gesellige, humorvolle Art der Sauschneider in die „Wiener Hanswurst Spiele“ einfließen.

Vom Hengst zum Wallach

Die Kastration war bei den Nutz- und Haustieren ein beliebter Weg die Tiere umgänglicher zumachen und die Vermehrung zu kontrollieren. In Folge der Kastration verlieren die Schweine ihren typisch strengen Eigengeruch. Das verbessert geschmacklich die Fleischqualität. Ein weiterer Vorteil ist die schnellere Gewichtszunahme. Alle kastrierten Tiere - weibliche wie männliche - werden ruhiger und erhalten eigene Namen: Hennen werden zu Poularden, Hengste zu Wallachen, Stiere zu Ochsen, der Widder zum Hammel, der Ziegenbock zum Schnitzbock.

Gai

Bis zu 400 Sauschneider zogen früher vom Lungau aus, um ihre Arbeit zu verrichten. Damit sie sich nicht gegenseitig in die Quere kamen, waren ihre Arbeitsgebiete in „Gaie“ eingeteilt. Dahinter steckt das Wort „Gau“ wie es auch in Lungau zu finden ist und es impliziert, dass ihr persönliches Arbeitsgebiet genauso stark umgrenzt und geschützt sein sollte, wie der Lungau. Heute heißt das wohl Gebietsschutz. Ihren Gai vererbten oder verkauften die Sauschneider weiter. Knapp 1000 Schweine, bis zu 200 Hengste, 400 Stiere und jede Menge kleinere Tiere konnte ein guter Gai an Jahresarbeit bieten.

Arbeitsstätten

Die Lungauer Sauschneider gingen ihrer Arbeit in sämtlichen Ländern der Ungarischen Monarchie und in Teilen des Deutschen Reiches nach. In Bayern, Mähren, Sachsen, der Pfalz und Ungarn wurde ihr Können geschätzt. Schon damals gab es für Reisende, die in einem anderen Land arbeiten wollten, gewisse Regeln zu beachten. So mussten zum Beispiel Sauschneider ungarische Sprachkenntnisse nachweisen, das sollte ungarische Kastrier vor Konkurrenz schützen. Aber findige Lungauer lernten kurzerhand ungarisch oder ließen ihre Söhne direkt in Ungarn die Sprache erlernen. Auch im eigenen Land sollte den Lungauer Sauschneidern das Ausüben ihres Berufes durch ein kaiserliches Patent von 1775 erschwert werden. Allerdings ohne allzu großen Erfolg.

Sauschneiderberechtigung

Um zu gewährleisten, dass die Tiere so gut wie möglich kastriert werden, sprich möglichst komplikations- und schmerzfrei, musste man, um eine Zulassung als Sauschneider zu erhalten, eine Ausbildung absolvieren. Das war schon 1786 Voraussetzung für eine Bewilligung. 1924 schrieben die Behörden eine Lehre bei einem erfahrenen Viehschneider vor. Zuerst durfte der Lehrling seinen Lehrer drei Jahre lang nur begleiten, bevor er nach einem weiteren 2-jährigen Praktikum eine Prüfung ablegen konnte. Das theoretische und praktische Wissen aus fünf Jahre Ausbildungszeit wurde vom Amtstierarzt unter Zeugen abgefragt und bei einer männlichen und weiblichen Tierkastration überprüft. Erst dann war man ein offizieller Viehschneider.

Markenzeichen

Die Kleidung der Sauschneider war ihre Visitenkarte. Während ihrer Dienstreisen sollte man schon von Weitem ihre Kompetenz und ihren Beruf erkennen. Zusätzlich musste die Kleidung genügend Schutz vor beißenden, ausschlagenden Tieren gewähren und durfte trotzdem nicht die Bewegungsfreiheit einschränken, die für die Kastration wichtig ist. Dazu trugen die Sauschneider Lederhosen, später Ledergamaschen und –stiefel. Ein Arbeitsschurz in blau schützte vor Verschmutzung. Die Lungauer Sauschneider hatten als eindeutiges Erkennungsschild einen weißen Adlerflaum an den Hut gesteckt, die manchmal mit einem Truthahnflaum ersetzt wurde, wenn kein Original zur Hand war. Dank dieses unverkennbaren Markenzeichens, konnten die Bauern die Sauschneider sofort ausmachen. Mit „Austrommeln“ oder Ausrufen mussten die Sauschneider selten nachhelfen, um Aufträge zu erhalten.

Arbeitszeiten

Dauer und Zeitpunkt der Ausübung ihres Nebenerwerbs, der Sauschneiderei, richtet sich nach dem Lebensablauf auf dem heimatlichen Hof und der Witterung. Erntezeit machte die Sauschneider daheim unabkömmlich und Kälte war nicht gut für die Wundheilung bei den Tieren. Heute wie damals beeinflusst das Pendeln zwischen Arbeitsstätte und Zuhause das Familienleben massiv. Sorgen um den auswärtsarbeitenden Mann, die alleinige Verantwortung um das Wohlergehen von Hof und Kindern verlangte auch den Frauen der Sauschneider einiges ab.

Lungauer Landschaftsmuseum

Am 15. Jänner 1922 wurde in St. Michael im Lungau der „Österreichische Viehschneiderverein“ gegründet. Mit diesem Verein wollten sich die Viehschneider gegen Existenzbedrohende Schwierigkeiten schützen, vor allem Pfuscher machten den ausgebildeten Sauschneidern das Leben schwer. Strikte Bestimmungen für die Ausbildung und Ausübung sowie die Durchsetzung und Vertretung der Interessen der österreichischen Viehschneider waren die Ziele. Als großen Erfolg konnte der Verein die Errungenschaft der gesetzlichen Erlaubnis, als Viehschneider auch lokale Betäubung einsetzen zu dürfen, verbuchen. Nach 60-jährigem Bestehen waren die Bedürfnisse nach einem Viehschneiderverein vorerst gestillt und der Verein löste sich auf. Im Lungauer Landschaftsmuseum im Mauterndorf werden die Schriftstücke  und Gegenstände aufbewahrt.